Stoffspielerei: Texturen aus der Natur

Dieses Thema der Stoffspielerei traf bei mir auf offene Ohren. Ich war davon so begeistert, dass ich meinen Beitrag einen Monat zu früh fertig hatte!

Ideen zu dieser Stoffspielerei brachte der Inspirationspost vom Blog Schnitt für Schnitt, die dieses Thema vorgeschlagen hat und moderiert. Zuerst überlegte ich, ob ich Blattadern eines grünen Blattes quilten wollte. Eine interessante thematische Parallele offenbarte zudem ein Trendreport der Printdesign-Agentur Patternbank, die als Trendthema für den Sommer 2021 „Strange Surfaces“ identifiziert. So dachte ich darüber nach, die unregelmäßigen Punkte eines Orchideen-Blütenblattes mit Chenille-artigem Garn als Knötchenstich zu sticken.

Nach all dem Überlegen habe ich mich jedoch entschieden, für diese Stoffspielerei etwas aus dem Buch „Textildesign Sticken: Inspirationen aus der Natur“ von Françoise Tellier-Loumagne auszuprobieren. Für die textile Umsetzung verschiedener natürlicher Texturen bietet das Buch eine große Fülle an Vorschlägen. Ein Projektvorschlag, der mir schon lange im Kopf herumgeisterte, war

eine textile Grasfläche :-)
bei Tellier-Loumagne bezeichnet als „Pflanzenpelz“

Was die idealen Zutaten für solch einen Pelz wären, wird im beschreibenden Text im Buch nicht konkret angegeben. Für die Garnstärke orientierte ich mich an dem bebilderten Entstehungsprozess im Buch – leider hatte ich solch ein Garn nicht im Vorrat sowie spontan und mittelfristig keine Möglichkeit in ein gutsortiertes Wollgeschäft zu kommen, so dass ich improvisierte. Ich nahm ein grünes, dickeres Baumwollgarn und 3 verschiedene Grüntöne einer Stickseide aus meinem jahrzehntealten Stickgarndepot. Lieber wäre mir ein Baumwollstickgarn gewesen, davon habe ich jedoch keine schönen Grüntöne in meinem Altbestand. Die Stickseide wird auf der Banderole nicht näher hinsichtlich des Materials beschrieben. Ich bezweifele, dass es echte Seide ist. Eine Brennprobe habe ich nicht gemacht, aber ich vermute, dass es Polyester ist.

Hinsichtlich der Farbe des stofflichen Untergrundes folgte ich der Empfehlung des Buches und wählte ein dunkles Grün und nicht das erst in Erwägung gezogene hellere Olivgrün. Der Vorteil des dunklen Unterstoffes liegt darin, dass er der Fläche eine optische Tiefe gibt und dass ggf. weniger Pelzreihen deckend erscheinen. Etwas unschlüssig war ich, in welchen Abständen die Fadenpelzreihen aufgesteppt werden sollen. Ich begann mit der Idee, im 1 cm Abständen aufzunähen, entschied mich aber nach der ersten Reihe zu 2cm.

Die Fäden habe ich 4cm lang geschnitten. Die Erkenntnis zur dafür besten Methode bedurfte einigen Ausprobierens und dem Scheitern der verwegenen Idee, die auf einen Pappstreifen aufgewickelten Fäden sowohl oben und als auch unten aufschneiden zu wollen. Letztendlich habe ich einen doppelt gelegten 2 cm breiten Pappstreifen in ca. Fingerlänge mit den Fäden umwickelt und dann oben in der Spalte zwischen den beiden Pappstreifen aufgeschnitten.

Die Fingerlänge erwies sich als praktisch, um die leicht „flüchtigen“ Garnstücke beherrschen zu können: auf dem Pappstreifen festhalten, während sie aufgeschnitten werden, auf dem Untergrundstoff platzieren und festhalten, um alles zur Nähmaschine zu tragen und dann auf der Nähmaschine festzuhalten um sie festzunähen. Die Herstellungstechnik des Pflanzenpelzes nach Tellier-Loumagne sieht vor, dass die Fäden 1) mittig aufgesteppt werden, 2) umgeschlagen und dann ein weiteres Mal festgesteppt werden. Meine Fäden waren davon nicht so begeistert und mussten mit Geduld und Hilfsmitteln gebändigt werden.

Diese zweite Steppung war bei mir schon recht dick, wahrscheinlich wegen des Baumwollgarns. Bei Tellier-Loumagne wird die Fadenreihe nun noch zur anderen Seite umgeschlagen und ein drittes Mal festgesteppt. Diese dritte Steppung habe ich aufgrund der zu erwartenden Dicke nicht mehr gemacht. Auch zeigte sich schon mit der zweiten Steppung ein recht annehmbares Puscheln, so dass ich meine Nähmaschine nicht weiteren Torturen mit der dicken Fadenlage aussetzen wollte.

Fertig gesteppt und gepuschelt ist nun ein schöne, kleine, weiche Grasfläche entstanden.

Und weil es ja so viel schöner ist, die freudig experimentierten Stoffspielereien auch gleich zu verwenden, habe ich aus meiner kleinen, weichen Grasfläche ein Mäppchen genäht.

Es ist ein haptisches Vergnügen, über dieses weiche Garngras zu streichen. Wenn ich noch eines machen würde, dann nähme ich nur Baumwollgarne. Die Polyesterfäden sind doch sehr flutschig und entfliehen ab und an aus den Steppnähten. Ich freue mich über ein wiederum sehr schönes Thema der Stoffspielerei, wozu alle Beiträge auf dem Blog Schnitt für Schnitt gesammelt werden. Danke dafür!

19 Kommentare zu „Stoffspielerei: Texturen aus der Natur

  1. Haha, das freut mich, dass ich dich mit meinem Thema so begeistert habe. Ich wäre ja auch gerne schon vier Wochen früher fertig gewesen, statt wie üblich kurz vor knapp…
    Das Buch habe ich auch hier liegen und finde es sehr anregend. Ich mag die Haptik deiner Grasfläche, die Mischung aus dicken und dünnen, hellen und dunklen Fäden. Und ich finde es sehr erhellend, den Entstehungsprozess mitzuverfolgen. Kleine Herausforderungen gibt es an jeder Ecke.
    Vielen Dank fürs Mitmachen!
    Liebe Grüße
    Christiane

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    1. Das klingt lustig, und es war wirklich ein Experiment!
      Kunstfasergarne sind oft sehr widerspenstig – Knötchenstich mit chenilleartigem Garn kann ich Dir nach meinen Erfahrungen nicht empfehlen, da würde ich das Garn vielleicht zu einer Luftmaschenkette verhäkeln und dann aufnähen.
      Viel Spass mit dem Kuscheltäschchen, lässt mich schon an Ostern denken…
      Liebe Grüße
      Tyche

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      1. Dankeschön! Ja, es hat viel Spaß gemacht. Danke für Deine Empfehlung zum meiner Idee mit dem Knötchenstich. Vielleicht bräuchte es auch gar keine Knötchen und es würden kleine einfache Stickstiche reiche. Ich denke weiter darüber nach und probiere es aus wenn ich eine geeignete Farbidee und solches Garn habe! Liebe Grüße!

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  2. Ist Gras beim Nachbarn immer grüner? Deine Grasfläche gefällt mir unheimlich gut, ich möchte mich am liebsten reinlegen! Tolles Projekt und offensichtlich ein tolles Buch. Muss ich wohl auf die Wunschliste schreiben.
    Liebe Stoffspielerinnengrüße, Elvira

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  3. Hach, da wünscht man sich doch einen Bildschirm, der das Streicheln zulässt. Deine Grasfläche schreit förmlich dananch, berührt zu werden. Das Täschchen sieht wunderschön und gelungen aus.
    Liebe Grüße
    Ute

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  4. „Auch zeigte sich schon mit der zweiten Steppung ein recht annehmbares Puscheln“ – dankeschön für diesen herrlichen Satz ;-)
    Was für ein tolles Experiment! So etwas habe ich noch nie gesehen. Ich liebe es sehr, wenn ich bei den Stoffspielereien auf mir bis dahin unbekannte Techniken stoße. Das grüne Gras möchte man am liebsten durch den Bildschirm streicheln. Was für ein eigenwillig-hübsches Täschchen, gefällt mir ausnehmend gut!

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    1. Dankeschön! Es war schon ein bisschen schwierig die passende Worte für diese weiche kuschlige Fläche zu finden ;-) Und es war wirklich ein Experiment, man sieht ja erst Schritt für Schritt oder gar erst am Ende wie sich alles zusammenfügt. Z.B. sind die drei Fadenreihen, die ich genäht habe, so ok, weil ich sie mit dem dunkleren Stoff unterlegt habe. Mit dem helleren Olivgrün würde es bestimmt weniger dicht wirken. Liebe Grüße!

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  5. Das ist ja phantastisch! Danke für die Beschreibung des Entstehungsprozesses – das macht Lust zum Nachmachen. Sehr schön zu wissen, dass man aus dieser Arbeit auch so etwas „Prakrisches“ wie ein Täschchen machen kann.
    LG
    Siebensachen

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    1. Dankeschön! Bei vorangegangenen Stoffspielereien hatte ich mir ab und zu überlegt, das Geschaffene in einem Quilt einzufügen. Aber meist brauche ich doch einige Zeit bis ich genügend Material dafür zusammen habe. So ein Täschchen ist recht „schnell“ umgesetzt – obwohl ich doch einiges improvisieren musste – z.B. habe ich das Futter unter dem Pflanzenpelz per Hand aufgenäht, weil sich der Pelz auf Grund seiner Dicke nicht so einfach verstürzen ließ. Liebe Grüße!

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  6. Deine Experimente sind spannend. Das Ergebnis erinnert mich an geknüpfte Flächen. Ähnliches kann man mit Schlingenhäkeln über einem Lineal erreichen wenn man die Schlingen dann aufschneidet.
    So eine Fläche ist haptisch angenehm und man könnte so etwas als z.B. Kragenoberfläche einsetzen.
    Solches DDR-Stickgarn habe ich auch, wahrscheinlich ist es Viskose. Es ist kochfest und farbbeständig und es gibt auch eine matte Variante, die nicht so flutschig ist.
    LG Ute

    Gefällt 2 Personen

    1. Ah! Schlingenhäkeln über einem Lineal! Das ist auch eine super Idee. Hach, jetzt reizt es mich doch sehr, auch so eine Grasfläche zu produzieren.

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    2. Dankeschön! Nun hat meine Antwort doch etwas länger gebraucht – ich wollte unbedingt noch prüfen, ob das Stickgarn denn nun Polyester sei. Eine Brennprobe habe ich nicht gemacht, sondern das Stickgarn mit höherer Temperatur gebügelt. Beim Bügeln riecht man eigentlich diesen typischen Polyestergeruch. Aber in diesem Falle was nichts dergleichen festzustellen. Dann ist es wohl Viskose. Danke für Deinen Hinweis! Was mich dann gewundert hat, war dass dieses Viskose-Stickgarn kochfest sein sollte. Ein Google-Blick in ein Faser-Fachbuch überraschte mich: „Cellulosische Chemiefasern“ wären kurzfristig bis 200°C belastbar – erst lange Einwirkdauern über 100°C würden Vergilbungen und Festigkeitsverluste nach sich ziehen. Sehr interessant! Liebe Grüße!

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  7. Das sieht wirklich wie Kunstrasen aus – eigentlich noch besser, denn durch die unterschiedlichen Grüntöne kommt mehr Leben in die Fläche.Schade, dass die Polyfäden so flutschig sind, denn gerade ihr Glänzen gefällt mir sehr, als ob die Gräser ein wenig nass wären.
    Und mir gefällt es auch, dass Du Dein Experiment in ein Täschchen verwandelt hast, so bleibt das kleine Werk, dass so viel Mühe und Gedanken braucht, nicht in der Schublade.
    Liebe Grüße
    Ines

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  8. Dein „Pflanzenpelz“ sieht einfach toll aus! Danke fürs ausführliche Zeigen und die Tipps (Fäden in Fingerlänge aufwickeln, damit man es festhalten kann…) Dein Mäppchen würde ich am liebsten streicheln. Danke auch für den Buchtipp – ich glaube das habe ich schon mal bei einem Besuch bei Silvia von den Petersilien durchgeblättert, aber jetzt finde ich es noch einmal doppelt spannend! Es kam jetzt schon mehrfach der Wunsch, Themen bei den Stoffspielereien zu wiederholen – da bietet sich diese Thema ja vielleicht gleich für 2021 wieder an? Liebe Grüße, Gabi

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    1. Dankeschön! Manchmal sind es kleine Tipps, die ein Projekt voran bringen. Ich lese solche Tipps auch gerne in den Beschreibungen. Das Nachbilden von Texturen ist wirklich ein spannendes Thema – so viel Inspiration, so viele unterschiedliche Gestaltungsmöglichkeiten! Liebe Grüße!

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Ich bin neugierig auf Deinen Kommentar :-) Bitte hab Verständnis, dass ich Kommentare zuerst lese und dann freischalte. Danke!

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