Stoffspielerei: Handweben

Bevor ich die Themenankündigung für den Monat Oktober bei den Stoffspielereien las, hatte ich mich mit dem händischen Weben eigentlich noch nie beschäftigt. Meine Kinder haben bereits im Kindergarten gewebt. Bei mir war Weben in der Schule kein Thema – bis auf Heinrich Heines „Die Weber“ erinnere ich mich auch sonst an keinen schulischen Berührungspunkt mit dieser Technik. Nachdem ich nun dieses Jahr mit etwas aufgeschlosseneren Augen für das Weben mein Umfeld betrachtete, entdeckte ich einige interessante Dinge.

Im Sommer besuchte ich das Textilmuseum in Tilburg, Niederlande. Da gab es in einem Gebäudeteil alte, meterhohe hölzerne Webstühle zu sehen, die zu ihrer Zeit mit Lochkarten angesteuert wurden.

Im Textiel-Lab des Tilburger Textilmuseums dagegen sieht man hochmoderne Jacquard-Webmaschinen in Aktion, mit denen DesignerInnen und Textildesign-StudentInnen ihre aktuellen Projekte umsetzen. Auch gab/gibt es für Besucher im Rahmen der Bauhaus-Ausstellung eine interaktive Simulation, bei der an einem Touchscreen virtuell gewebt werden kann und das Ergebnis an die Wand gegenüber projiziert wird.

Nach all diesen Eindrücken entschied ich mich, für die Stoffspielerei ein paar Grundlagen des Webens auf einem kleinen Schulwebrahmen auszuprobieren. Ich wählte und kaufte mir das Buch „Weben mit kleinem Rahmen“ von Fiona Daily.

Zuerst webte ich ein paar einfache Bindungen. Die Kettfäden sind (wie für das nachfolgend beschriebene Projekt im Buch angegeben) eine Baumwoll-Leinen-Mischung, die hellen Schussfäden ebenfalls, das Rot eine reine Baumwolle und das Braun ein Viskosegarn aus meinen Wollresten.

Dann wagte ich mich an ein kleines Projekt. Das im Buch vorgeschlagene kleine Täschchen finde ich nett anzuschauen.

Zudem gefiel mir, dass wohl auf Grund der Aktualität des Buches auch die für das Projekt vorgeschlagenen Materialien (bis auf eine Farbstellung) so erhältlich waren und ich mir keine Gedanken um einen adäquaten Ersatz machen musste. Auch fand ich die Vorschläge sehr praktikabel, als dass z.B. eine Leinenmischung als Kettfäden vorgeschlagen wird und in den vorausgehenden Erläuterungen gesagt wird, dass Leinen sich sehr wenig dehnt.

Der Projektstart lief nicht ganz so glatt. Vielleicht hat sich da ein Fehler im abgedruckten „Patrone“ des Täschchenmusters eingeschlichen, denn die ersten Schussreihen sind als doppeltfädig auszuführen markiert, was jedoch sehr unförmig wirkt und auch ganz anders als auf den Projektfotos des Buches aussieht.

Also habe ich nach 8 Reihen alles zurückgewebt und die ersten blauen Reihen nur mit einfachem Schussfaden gewebt.

Die Kettfäden des Täschchenprojektes wurden zweifach gespannt, indem gleichzeitig ein hellgrauer und hellbeiger Faden gewickelt wurden. Dadurch entsteht ein interessanter Farbeffekt. Jedoch ist die doppelte Fadenführung auch sehr dicht. Ich fand es nicht immer einfach, das Muster zu weben. Bei der Fischgratbindung habe ich wohl einen Fehler gemacht, der mir jedoch erst auffiel, als ich die Fotos vom fast fertigen Stück machte.

Schwierig fand ich auch, dass die aufgespannten Kettfäden wohl durch „die Aufwicklung in Form einer liegenden Acht“ in der Mitte etwas dichter waren als am Rand, was sich in meinem Werkstück an einer etwas schmaleren Mitte und etwas breiteren Rändern bemerkbar machte. Irgendwie ließ sich das auch nicht dadurch ausgleichen, dass ich die Schussfäden weniger stark anzog. Zugegebenermaßen war mein Webrahmen auch kleiner als der im Buch verwendete. Ich habe deshalb die Anzahl zu webender Reihen verringert.

Insgesamt bin ich sehr zufrieden. Die roten Reihen in der einfachen Leinwandbindung ausgeführt mit doppeltem Faden finde ich sehr schön und auch die Fischgratbindung.

Die Schritte der Fertigstellung erfordern wie bei vielen anderen Handarbeitsprojekten ebenfalls Zeit und Aufwand. Mein kleines Webstück habe ich mit einer Knotenkante abgeschlossen. Nach Anleitung des Buches müssen/müssten jetzt alle Fäden verstochen werden: das sind auf dieser kleinen Fläche jeweils 69 auf jeder Seite.

Da überlege ich im Moment noch ganz stark. Abweichend zum Buch habe ich die Fadenenden der Schussfäden am Rand verknotet und nicht wie dort vorgeschlagen zu Beginn/Ende „ins Fadenfach eingelegt“. Ich befürchtete, die Ränder werden dadurch irgendwie sehr dick.

Als nächstes habe ich das Webstück mit der Hand gewaschen, an der Luft getrocknet und gebügelt. Es wartet nun auf die weitere Verarbeitung. Ich denke, es ergibt eine sehr schöne Vorderseite eines kleinen Täschchens.

Ich bin sehr neugierig, welche Erlebnisse alle anderen Mitstreiterinnen der Stoffspielerei zu diesem Thema Weben hatten und welche Projektideen umgesetzt wurden. Alle Berichte dazu werden bei Christiane auf ihrem Blog Schnitt für Schnitt gesammelt. Ganz großes Dankeschön für diese Anregung!

18 Kommentare zu „Stoffspielerei: Handweben

  1. Dieses Buch hatte ich mir auch ausgeliehen und speziell dieses Täschchen fand ich auch sehr schön! Daher freue ich mich, es bei Dir zu sehen und wie Du trotz mancher Schwierigkeit zu einem ganz schönen Ergebnis gekommen bist. Gerade das Fischgratmuster gefällt mir sehr!
    Liebe Grüße
    Ines

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    1. Dankeschön! ich finde das Buch für den Start recht gut, ich habe alles erfahren können, was ich wissen wollte. Vielleicht lässt Du Dich auch von den Projektideen inspirieren und zeigst Dein Werk. Da bin ich schon neugierig! Liebe Grüße!

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  2. Nach einem Testlauf gleich solch ein tolles Ergebnis! Gefällt mir außerordentlich und ermutigt mich, das demnächst auch zu machen, denn ich habe mir gerade einen Webrahmen zugelegt. Deine Farbwahl finde ich sehr gelungen und das Fischgratmuster fasziniert mich. Gut zu wissen, dass man das auch ohne lange Weberfahrung schaffen kann.
    LG
    Siebensachen

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    1. Dankeschön! Ich fand den Mustersatz ein bisschen wie beim Stricken, da hatte ich keine Berührungsängste;-) Ich musste mich aber auch gut konzentrieren, Ruhe und gutes Licht waren schon erfolgsentscheidend. Liebe Grüße!

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  3. Ich finde sehr interessant, dass Du in deine Schulzeit nicht weben musstest. Wie unterschiedlich die Lehrpläne doch sind. Meine schmalere Mitte hat mir damals meine 1 zunichte gemacht. Bei mir wurde es damals eine Nadeltasche, die ich heute noch nutze. Die Webmuster gefallen mir sehr gut und die rote Bodüre rundet das daraus entstehende Täschchen sehr schön ab.
    LG Mirella

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    1. Dankeschön! Wie lange man doch die Erinnerungen an die Erlebnisse der Schulzeit mit sich trägt. Ich freue mich auch, wenn ich Dinge in Verwendung habe, die schon vor „langer“ Zeit gemacht habe. Liebe Grüße!

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  4. Mit der bisschen Erfahrung, die ich jetzt habe, kann ich nur sagen: ganz große Hochachtung vor deinem Werk! Die doppelten Kettfäden und das Muster, und das alles auf einem einfachen Schulwebrahmen! Da muss man ja jede einzelne Reihe mit unendlich viel Aufmerksamkeit und Geduld weben. Hat bestimmt ganz schön lang gedauert. Wirklich toll und beeindruckend, dein Webstück. Da wirst du lange Freude an deinem schönen Täschchen haben. Danke fürs Mitmachen! Liebe Grüße Christiane

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    1. Dankeschön für Deine wertschätzenden Worte! Ja, es erforderte Geduld und Konzentration. Und auch manchmal Kraft, um das Schiffchen durch die straffen Leinenfäden zu bringen. Aber es war nicht nur dieses kleine Webstück, was ich von diesen Stoffspielereien mitnehme. Mit dem besonderen Augenmerk habe ich in der letzten Zeit viel Interessantes wahrgenommen. Danke für dieses Thema! Liebe Grüße!

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    1. Dankeschön! Vor manchen Herausforderungen schreckt man nicht zurück ;-) ich dachte mir, so ein Muster ist ja auch ein bisschen wie Stricken. Ich hätte nur nicht gedacht, wie lange es dauert. Nun, das ist wahrscheinlich auch eine Übungssache. Liebe Grüße!

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    1. Dankeschön! Ja, wahrscheinlich ist es genau die Länge des Webrahmens bei dieser Wicklung. Ich habe mir überlegt, dass nur wirklich kurze Webstücke damit auf meinem kleinen Rahmen gleichmäßig gewebt werden können, dazu muss ich dann auch den ersten Faden höher ansetzen. Danke für Deine Anmerkung! Liebe Grüße!

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  5. Danke für den Bericht über das Museum und die Einblicke in die Weberei dort.
    Für einen ersten Versuch hast Du Dir gleich ein anspruchsvolles Projekt vorgenommen, und das Ergebnis kann sich sehen lassen.
    So ein hübsches Täschchen, das auch noch eine Geschichte erzählt, nimmt man gerne in die Hand.
    Liebe Grüße
    Tyche

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    1. Dankeschön! Im Textielmuseum Tilburg gab es wirklich viel zum Thema Weben zu sehen. Es gab auch eine Ausstellung zur Damastweberei. Auch ist es spannend welche Technologie und Maschinen früher genutzt wurden. Erst mit dem Thema Weben wird so richtig klar, welche industrielle Breite in der Stoffherstellung steckt. Liebe Grüße!

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  6. Das Buch klingt toll und die Beispiele sehen wunderbar aus! Durch deine feine Inspiratione bekomme ich gleich wieder Lust auf neue Webprojekte. Ach, die Stoffspielereien sind einfach immer großartig! lg, Gabi

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